Unterm Strich gefällt mir die Redewendung „am Ende des Tages“. Oder umgekehrt.

Die Redewendung „am Ende des Tages“ ist definitiv auch bei uns angekommen – inzwischen sogar im Schweizerdeutschen. Kein Tag vergeht, vor dessen Ende sie mir nicht ein paar Mal begegnet ist.
Es ist eine aus dem englischen entlehnte Wendung. Doch obwohl sich mir in der Regel die Nackenhaare sträuben begegne ich einer Manifestation von Verenglischung unserer Sprache, und trotz der Tatsache, dass der englische Originalausdruck „at the end of the day“ schon 2009 zur ärgerlichsten Bürofloskel des Jahres gekürt wurde – ich kann dieser Neuerung etwas abgewinnen. Ist sie doch ein klein wenig poetischer als die deutsche Entsprechung eher buchhalterischer Herkunft, die sie nach und nach ersetzt: Unter dem Strich.

Pinhole Day 2017

Seit 17 Jahren ist der letzte Sonntag im April „Internationaler Lochkamera-Tag„. So haben wir gestern also wieder einmal die Lochkameras geladen, noch rasch zwei neu gebastelt und sind losgezogen, bei sonnigem, also idealen Wetter. Die Belichtungszeiten sind so schon lang genug…

Ich hatte mir überlegt, dass wir einen Ort brauchen, der viel grafische Strukturen und hohe Kontraste zu bieten hat. Und ich wollte nicht die ewig-gleichen Eisenbahnschienen-Fotos oder Bilder von Denkmälern, häufige Sujets der Lochkamera-Fotografie. So spazierten wir auf das Gelände eines Altmetallhändlers und stellten die Kameras auf. Es hat funktioniert:

Lochkamera in Position

Das Ergebnis (Belichtungszeit: 20 Sekunden)

Die am Vorabend noch rasch zusammengebastelten Schachtelkameras mit verschiedenen Brennweiten richteten wir auf dasselbe Sujet, um den Unterschied sichtbar zu machen.

grössere Brennweite – fast schon ein Teleobjektiv, resp. Teleloch

Kürzere Brennweite, eher Weitwinkel

 

Über das Pendeln

Ich pendle. Seit über 22 Jahren. Damit bin ich eine von 2500 GlarnerInnen, die mit dem Zug zur Arbeit fahren. Aus dem Kanton Glarus fahren mehr Menschen zur Arbeit raus als rein, im Kanton Zürich, meinem Pendelziel, ist es umgekehrt. 85’000 Menschen mehr fahren rein als raus.
Im Durchschnitt pendeln Schweizer PendlerInnen 14.5 km pro Strecke und brauchen dafür 29 Minuten. Ich brauche für die 75 Kilometer 80 Minuten, und bin damit gefährdet. Gefährdet, unglücklich zu werden, gefährdet, Kopfscherzen (1), Verdauungsprobleme, Schlafstörungen oder gar hohen Blutdruck oder Beziehungsprobleme zu bekommen. Sagt eine „amerikanische Studie“, die die Unglück-Schwelle bei 50 Minuten pro Arbeitsweg ansagt.
Das ist wohl nicht ganz falsch, gilt aber nicht uneingeschränkt: Die FAZ konsultiert zum selben Thema einen Arbeitspsychologen. Dieser hält fest: „Pendeln heute für viele Arbeitnehmer Teil ihrer beruflichen Selbstverwirklichung ist. War der Job früher ausschließlich zum Geldverdienen da, ist er heute für viele Menschen Teil ihrer Persönlichkeit. Man identifiziert sich stärker mit dem Beruf und will nicht einfach irgendwas machen. Für diese Menschen ist das Pendeln deshalb oft das kleinere Übel.“
Ich pendle nicht leidenschaftlich gern. Aber besonders schlimm finde ich es auch nicht. Zugegeben – es gibt eine Reihe von Umständen, die es mir leichter machen: 50 der 80 Minuten lege ich im nicht überfüllten Schnellzug zurück und kann es mir leisten, erster Klasse zu fahren. Die restlichen 30 Minuten kann ich, wenn ich möchte, zu Fuss zurücklegen, auf Kieswegen oder dem Wasser entlang. Ich habe einen schönen Arbeitsweg.
Wichtiger noch ist aber, dass ich mich nicht gezwungen fühle. Klar, ich hätte lieber einen kürzeren Arbeitsweg.
Ich liebe meine Arbeit, sie ist sinnvoll, interessant, nie langweilig, sie passt zu mir und meinen Werten und ist dadurch ein wichtiger Teil meiner Identität. Arbeitsstellen wie diese sind (fast) nur in der Stadt zu haben. 
Gleichzeitig wohne gern da, wo ich wohne. Ich möchte nicht in der Stadt leben, mit einem Überangebot an Möglichkeiten, die mich eher lähmen als inspirieren. Ich möchte nicht in der Stadt leben und Tag für Tag von Verkehrslärm oder Menschenkrach geweckt werden. Ich möchte, dass es Nachts dunkel und ruhig ist. So habe ich eine Wahl getroffen.
Dass mich Pendeln nicht unglücklich macht, macht mich zwar auch nicht gerade zur Pendlerin aus Leidenschaft und Überzeugung – aber ich habe mich damit arrangiert und bin soweit zufrieden.

 

Das würde ich in der Stadt vermissen: Die Natur vor der Haustür (fast jedenfalls).

Quellen:

 (1) Ja, ich habe den Tippfehler gesehen, resp. bin darauf hingewiesen worden. Ich finde ihn aber zu schön, um ihn zu korrigieren.

COOPH-Challenge, Woche 1: nightglow-Challenge

COOPH, ein FotografInnen-Kleidung-Hersteller und Herausgeber eines Fotografie-Onlinemagazins, hat als „last minute gift“ für Weihnachten eine Challenge vorgeschlagen – 52 fotografische Aufgaben, die zu lösen man auf dem Youtube-Channel von COOPH Unterstützung bekommt.

Da ich sowieso wieder etwas vom Foto-Virus gepackt bin, dachte ich mir – warum nicht? Ich habe mir das PDF mit den 52 Aufgabenkärtchen ausgedruckt, die Kärtchen fein säuberlich ausgeschnippselt und am 1. Januar aus dem gut gemischten Stapel das erste Kärtchen gezogen.

Und bin gleich an der ersten Aufgabe fast gescheitert:

„Watch freakishly Awesome UV Photography Tips“, by some UV wool, spin a UV web and take a cool pic!“.

UV-Wolle, echt jetzt? Gibt es in der Schweiz nicht zu kaufen. Einen Shop mit vertretbaren Versandkosten habe ich auch nicht gefunden (und ich habe bigoscht nicht zum ersten Mal nach UV-Wolle gesucht, ich bin schliesslich eine Strickerin mit Nerdneigung). So habe ich die Aufgabe abgewandelt, und aus der UV- eine nightglow-Challenge gemacht:

Ein Foto unseres Silverster-Fondue-Feuers, bestickt mit nachtleuchtendem Nähfaden. Das wird jetzt gerahmt und aufgehängt, und wird ein Foto, das man auch im Dunkeln sieht. Zusätzlich habe ich das bestickte Foto zwei Mal abfotografiert – einmal im Licht, einmal im Dunkeln, und ein Gif daraus gebaut. Et voilà:

Nachtrag, einen Tag später: Natürlich, sobald ich öffentlich behaupte, UV-Wolle gäbe es nicht in der Schweiz, finde ich doch noch einen online-Shop, der sie führt…

HIStory: Vorbei.

Zwischen Mitte Oktober und Ende Dezember spielte sich in Zürich Enge ein philosophisches Drama ab.

Eine Kassette. Weggeworfen, überholt von der technischen Entwicklung.

Michael Jackson: HIStory. Past, Present and Future.

Dreifach Geschichte: Jackson tot, Kassette überholt, Kassette kaputt.

Ein Kunstprojekt draus machen: Über Vergänglichkeit lavieren. Über die Dauerhaftigkeit von Kunststoff und die Flüchtigkeit von Musik und Menschen.
Bezüge herstellen, Bedeutung konstruieren.

Oder einfach die kaputte Kassette in regelmässigen Abständen fotografieren.

(Oder auch sich wundern darüber, dass ein Stück Abfall in Zürich (!!!) über zwei Monate liegen bleiben kann.)

Lochkamera, diesmal digital. Und ganz einfach. Und fast gratis.

Das Lochkamera-Thema lässt mich nicht los. Schon lange möchte ich gerne mal digitale Lochkamerabilder machen. Schon vor einiger Zeit hatte ich die Idee, dass man ja vielleicht nur in den Gehäuse-Staubdeckel einer Spiegelreflex ein kleines Loch machen müsste – habe an der Idee aber nie weiter herumgedacht, da ich mir sagte, SO einfach kann es ja gar nicht sein.

Nur: Es IST so einfach. Es funktioniert wirklich!  Allerdings bin ich bei weitem nicht die erste, die auf die Idee gekommen ist – das ändert nichts daran, dass ich stolz auf meine Idee bin.

Meine alte Nikon D50 sieht nun so aus:

nikon-lochkamera

Und so sehen die Bilder aus, die sie damit machen kann:

digiloch-erster-versuch

Etwas mehr Theorie dazu findet man z. B. hier:
www.digitipps.ch/fotopraxis/camera-obscura

Vierbild-Lochkamera

Seit einiger Zeit pröble ich etwas mit selbstgebastelten Lochkameras herum. Die Unvorhersehbarkeit des Resultats eines eines der grossen Reize dieses Verfahrens. Einer der grossen Nachteile ist es, dass man beim Fotografieren an einen engen Radius um die Dunkelkammer herum gebunden ist. Eigentlich. Doch wie wäre es, wenn man ganz kleine, vorgefüllte Lochkameras basteln würde? Davon könnte man dann ein paar mitnehmen, an einen andern Ort, und später entwicklen? So etwas in der Art vielleicht:

2016 08 21 Vierbildkamera

Vierbildkamera – In eine iPhone 5-Verpackung passen vier Dosen ganz genau hinein!

Ein erster Versuch schlug grandios fehl. Die in den Frühlingsferien in München gemachten Bilder waren unscharf und nicht richtig belichtet. ich war ziemlich frustriert und konnte mich erst heute zu einem nächsten Versuch aufraffen. Ich habe die Kameras ein bisschen verbessert und die Belichtungszeiten angepasst, die Dosen eingepackt und bin losgezogen. Das Resultat:

20160821_142520576_iOS

Positive am Abtropfen

Auf zwei von vier Bildern sieht man etwas! Juhi!

20160821 Bahnhof Glarus ab Papierpositiv

Glarus, Bahnhof

Glarus, Volksgarten

Glarus, Volksgarten

Hier noch die Zeitangaben, damit ich es nicht vergesse, fürs nächstes Mal:

  • Belichtungszeit Negative: 12 sec. bei leicht sonnigem Wetter, mittags.
  • Belichtungszeit Positive: 20 sec. Volllicht (Kontaktkopien ab Papier-Negativ).

Textile Schmuckstücke

Das Textilmuseum St. Gallen zeigt noch bis am 9. Oktober unter dem Titel „Body Jewels“ textile David Biellander BulläugleinSchmuckstücke aus den Niederlanden und der Schweiz. Die Ausstellung wurde weitgehend übernommen vom TextielMuseum, Tilburg (NL), [Notiz an mich selber: unbedingt mal hingehen!], ergänzt durch Schweizer Beiträge.

Nebst gestrickten, genähten, geknüpften Schmuckstücken gab es auch Schmuck, der nicht selber aus Stoff besteht, sondern den Stoff der Kleider, die man dazu trägt, beeinflusst – z.B. das Bulläuglein von David Biellander. Dies fand ich konzeptionell sehr spannend und weder gewöhnlich noch übertrieben gesucht – gut halt.

Ebenfalls ausgesprochen gut gefallen haben mir auch die witzigen und hintersinnigen Perlenarbeiten von Felieke van der Leest, wobei sich mir nicht ganz erschlossnautische Perlenketteen hat, was Glasperlenschmuck mit textilen Arbeiten zu tun hat. Besonders angesprochen hat mich, so direkt nach den Ferien am Meer, eine nautische Halskette – das wohl „bravste“ der gezeigten Stücke.

Das meiste Gezeigte war schön, spannend oder anregend. Manches war leider jedoch etwas gar gesucht und intellektuell ziemlich verstiegen – „Bedeutung schaffen “ auf Teufel komm raus -, einiges schlicht pseudotiefsinniger Quatsch. Doch insgesamt hat mich der Besuch der Ausstellung sehr angeregt, und ich habe mich daran erinnert, dass ich vor Jahren doch mal selber Schmuck gestrickt habe – aus Silberdraht z.B.  oder einen gestrickten Schlauch als Halskette, mit eingenähten Steinen, damit sie die nötige Schwere sowie „Perlenförmigkeit“ bekommt. Im Anschluss an die Ausstellung habe ich mir einen Halsschmuck gestrickt, aus Seide, nach einer Anleitung (ravely-link). Das hat mir Spass gemacht – und vielleicht mache ich nochmal ein paar Schmuckstücke. Ideen hätte ich noch ein paar – und spannende Garne auch (so japanische Kunst-Garne aus Seide, Metall, Papier…). Und da könnte man auch noch mit Lumi Inkodie Fotos auf Stoff oder Holz bringen und dann daraus Schmuck basteln…

7_Circles am Hals

Abenteuer aus zweiter Hand

Ich liebe Abenteurgeschichten. Schelmenromane. Road Movies in Buchform. Piratenromane. Science Fiction auch. Ich liebe Captain Blood, die Monkey Wrench Gang, den Hitchhiker’s Guide, Ijon Tichy, die Romane von Hildegunst von Mythenmetz, die zwölf Stühle, Chabons Schurken der Landstrasse. Auch den „neuen“ Roman von Cervantes, die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda, habe ich verschlungen. Und und und.

Meine aktuelle unbedingte Leseempfehlung in diesem Genre: Pietrs Reise von Joann Sfar. Hat zwar nicht so gute Kritiken bekommen, ich behaupte aber: Die haben das Buch einfach nicht verstanden. Wenn man, wie die Hauptfigur, Spinoza nicht kennt, und auch noch nie etwas davon gehört hat, dass die Piraten die eigentlichen Erfinder der modernen Demokratie sind, und nicht etwa die Alten Griechen (kein Witz!), entgeht einem eigentlich der Kern der Sache.

Was mich aber je länger, je mehr stört, ist die Tatsache, dass alle meiner Lieblingsbücher von Männern geschrieben sind und meistens auch männliche Hauptfiguren haben. Mitte Juni habe ich auf Facebook einen Hilferuf platziert:
„Ich würde so gerne einmal einen Abenteuerroman lesen mit einer oder mehreren weiblichen Hauptfiguren, gerne auch einen Schelmenroman oder dergleichen, und am liebsten zur Abwechslung auch mal von einer Frau geschrieben – und ja, die Trobadora Beatriz hab‘ ich schon vor dreissig Jahren gelesen und seither schreiben meistens Männer die Bücher, die ich gerne lese. Beziehungserkundungen und introspektive Seelenerforschungen und erschütternde Schicksalsschläge und Familiensagas interessieren mich nicht besonders.
Hat mir jemand einen Tipp?“
Das ergab folgende Liste:
– Alles von Chimamanda Ngozi Adichie
– Lilas Faschinger, „Magdalena Sünderin“
– Annie Proulx, Schiffsmeldungen
– Isabel Allende, Fortunas Töchter
– „Flammenwerfer“ von Rachel Kushner

Sobald ich die Lebensbeschreibung  Charmine Londons Biografie ihres Mannes Jack London gelesen habe, mache ich mich an diese Liste! (Dieses Buch habe ich mir besorgt, nachdem ich Jack Londons Schilderungen seines Versuchs einer Weltreise mit einem untauglichen Segelboot gelesen habe – weil darin diese Reise aus der Perspektive von Charmaine geschildert wird. )

Weitere Tipps für Abenteurromane von und mit Frauen werden sehr, sehr gern entgegen genommen.